Interview mit Bestseller-Autor & Top-Investor Christian Thiel

Interview mit Bestseller-Autor & Top-Investor Christian Thiel

Bildrechte © Stephan Jockel

Inhaltszusammenfassung

Das Interview mit Christian Thiel

Christian Thiel kennen viele unserer Leserinnen und Leser als Bestsellerautor (“Schatz, ich habe den Index geschlagen!“). Sein wikifolio “Global Champions” erwirtschaftet seit Anfang 2016 gute 16 % Rendite im Jahr: ein absoluter Top-Wert. Wie funktionieren seine Anlagestrategien, welche Lehren können Anlegerinnen und Anleger aus der Coronakrise ziehen und geht es mit den US-Tech-Titeln jetzt immer weiter bergauf? Anlässlich des Erscheinens seines neuen Buchs “Schatz, ich habe Aktien gekauft!” hat Christian sich die Zeit für ein Gespräch mit uns genommen.

Mit mehr als 5.000.000 Euro investiertem Kapital und über 100 % Performance seit 2016 gehörst du zu den Überfliegern bei wikifolio. Verspürst du dadurch Erfolgsdruck?

Nein, gar nicht. Es ist auch nicht so, dass ich das wikifolio aktiv steuern muss. Ich bin kein Trader. Ich investiere mein persönliches Geld seit Jahren langfristig nach einer bestimmten Strategie. Und genau so ist auch das wiki aufgebaut. 

Für mich hat das wiki den Vorteil, dass meine Performance sich deutlich verbessert hat. Interessierte Anlegerinnen und Anleger fragen nach, weshalb ich Anlageentscheidungen treffe. Das sorgt dafür, dass ich diese besser begründen muss. 

Angefangen hat das übrigens schon mit meinem Blog grossmutters-sparstrumpf.de. Dort habe ich bereits vor dem Start des wikis über meine Erfahrungen am Aktienmarkt geschrieben. Damals habe ich gemerkt, dass meine Performance besser als die vieler anderer Anlegerinnen und Anleger war. Das wikifolio stellte für mich eine Möglichkeit dar, das hieb- und stichfest zu dokumentieren. Natürlich freue ich mich über die inzwischen 5.000.000 € investierten Kapitals. Aber ich denke da nicht lange drüber nach. Denn es gibt, von kleinen Ausnahmen mal abgesehen, keinen wirklichen Unterschied zwischen meinem persönlichen Depot und dem wiki.

wikifolio Global Champions

Das “Global Champions” wikifolio von Christian Thiel © wikifolio.com

Du sagst, deine Performance hat sich durch das wikifolio verbessert. Liegt das daran, dass du unter der "Kontrolle" anderer Nutzerinnen und Nutzer bewusster und bedachter handelst?

Vor vier oder fünf Jahren war ich auf jeden Fall noch ein viel impulsiverer Anleger. Heute denke ich vor einem Kauf wesentlich länger nach. Um Peloton zum Beispiel bin ich lange herumgeschlichen und habe mir Gedanken über die langfristigen Aussichten für das Unternehmen gemacht. Natürlich hat Peloton dieses Jahr auch besonders von der Corona-Krise profitiert. Das Geschäftsmodell Home Fitness über das Internet ist wie gemacht für diese Zeiten. Dennoch frage ich mich dann lange: Ist das ein Modell, das über Jahre tragen kann? 

Dass die Nutzerinnen und Nutzer nachhaken, wenn ich eine Entscheidung nicht erklärt habe, das hilft auf jeden Fall. Dadurch denke ich schon frühzeitig darüber nach, wie ich die Entscheidung gegenüber anderen rechtfertigen kann. Auch vor übereilten Verkäufen schützt das. Zum Beispiel, als seinerzeit die Chipotle-Aktie 50 % ihres Werts verloren hat, da habe ich abgewartet, bis sie den Turnaround geschafft hat. Man kann sagen: Spontane Entscheidungen werden durch das öffentliche Handeln stark verringert.

„Zehn Jahre in die Zukunft denken“

Was unterscheidet dich und dein wikifolio von anderen Tradern auf wikifolio?

Meine Strategie basiert darauf, dass ich versuche, etwa zehn Jahre in die Zukunft zu denken. Der Ausblick auf die ja gerade erst angebrochenen 20er-Jahre ist auch ein großes Thema in meinem neuen Buch “Schatz, ich habe Aktien gekauft!”. Im Technologie-Bereich wird die Entwicklung der letzten zehn Jahre sich fortsetzen und sogar noch deutlich verstärken. “Why Software is eating the world” hat Marc Andreessen Anfang des vergangenen Jahrzehnts seinen berühmten Essay im Wall Street Journal betitelt. Die darin beschriebene Entwicklung, dass Software immer wichtiger wird und Hardware an Bedeutung verliert, haben wir im Laufe der 10er-jahre bestätigt gesehen. 

Selbst Apple generiert inzwischen 20 % der Gewinne mit immateriellen Gütern: Apps, Musik und so weiter. Heute wiederholt sich diese Entwicklung in vielen einzelnen Branchen. Peloton ist dafür ein gutes Beispiel. Das Geschäftsmodell Homefitness hat das Potenzial, zum Megatrend zu werden. Natürlich können aber nicht alle Unternehmen so groß wie Facebook oder Netflix werden. Dennoch müssen Anlegerinnen und Anleger lernen, komplett neue Geschäftsmodelle, die auf dem Internet (insbesondere dem mobilen Netz) basieren, frühzeitig zu erkennen. Wir werden sehen, dass die Aktien von Unternehmen, die von der mobilen Vernetzung profitieren, weiter stark an Wert gewinnen werden. Egal, ob Facebook und andere FAANG-Aktien oder neue Papiere, die momentan noch gar nicht gehandelt werden.

Aber nicht nur im Tech-Bereich gibt es absehbare Entwicklungen. In den letzten zehn Jahren sind mehr als eine halbe Milliarde Menschen weltweit in die Mittelschicht aufgestiegen. Und in den nächsten zehn Jahren wird sich das wiederholen. Und was macht die Mittelschicht? Sie trinkt Kaffee bei Starbucks, kauft Turnschuhe von Nike, zahlt mit Mastercard. Das alles sind Unternehmen, die von dem zunehmenden Reichtum der Welt profitieren. 

Außerdem gilt: Die Mittelschicht arbeitet im Sitzen. Sportartikelhersteller, ob Nike oder Adidas, profitieren davon. Die Mittelschicht muss Sport machen, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten. Wer am Aktienmarkt mit langfristigen Investments punkten will, muss sich mit solchen Zukunftsfragen auseinandersetzen. Ich glaube, ich habe diesbezüglich ein etwas strategischeres Herangehen als viele andere Investoren.

Dass die Nutzerinnen und Nutzer nachhaken, wenn ich eine Entscheidung nicht erklärt habe, das hilft auf jeden Fall. Dadurch denke ich schon frühzeitig darüber nach, wie ich die Entscheidung gegenüber anderen rechtfertigen kann. Auch vor übereilten Verkäufen schützt das. Zum Beispiel, als seinerzeit die Chipotle-Aktie 50 % ihres Werts verloren hat, da habe ich abgewartet, bis sie den Turnaround geschafft hat. Man kann sagen: Spontane Entscheidungen werden durch das öffentliche Handeln stark verringert.

„Investieren, wenn die Kurse am Boden sind“

Der Corona-Crash hat viele Marktteilnehmerinnen und -teilnehmer unvorbereitet erwischt. Ich nehme an, auch dich. Was hast du persönlich daraus gelernt?

Für mich war von Anfang an klar: Ich verkaufe nicht in der Krise. In solchen Situationen aktiv zu traden, ist schwierig. Den richtigen Zeitpunkt zum Aus- und Wiedereinstieg abzupassen, fällt auch erfahrenen Anlegern außerordentlich schwer. In der Krise frisches Geld zu investieren ist da einfacher. Im wikifolio kann ich dies jedoch nicht, weil ich da meistens voll investiert bin und nur 2-3 % Cash vorhalte. Diese 3 % habe ich investiert, als der Markt um 15 % nachgegeben hatte. Privat habe ich danach bei –25 % die nächste Tranche gekauft. Bei 35% Verlust hätte ich ein drittes Mal investiert. Diese Stufe haben die von mir beobachteten amerikanischen Märkte allerdings nur für wenige Minuten am 23. März erreicht. Darauf hat die amerikanische Notenbank dann reagiert und den weiteren Verfall gestoppt. 

Den meisten Anlegerinnen und Anlegern ist nicht präsent, dass die Fed und andere Notenbanken aus den Erfahrungen von 1929 gelernt haben und in Krisen mittlerweile schnell intervenieren. In diesem Fall mit Billionenbeträgen. Daher habe ich privat ein drittes Mal frisches Geld erst investiert, als der Markt sich schon wieder auf –30 % erholt hatte. Dennoch war das im Nachhinein die für mich lohnendste Tranche: Denn da habe ich das Geld in mein eigenes Techwiki investiert. Neben dem Global Champions wiki gibt es inzwischen nämlich ein Global Tech Champions wiki. 

Tech-Aktien haben oft das Problem, dass die besonders lukrativen Highflyer sich auch volatil verhalten. Das Global Tech Champions wiki besteht deshalb etwa zur Hälfte aus solchen Highflyern und zur Hälfte aus großen, cashstarken Techkonzernen. Das hatte ich als krisenfestes und sicheres Konzept entworfen. In der Coronakrise hat sich das dann auch tatsächlich bewährt. Wobei diese Krise den Tech-Firmen und ganz besonders den Highflyern natürlich in die Karten gespielt hat. Zum Beispiel habe ich vor 15 Monaten Zoom in das wiki aufgenommen, die ja dieses Jahr bekanntermaßen eine Wahnsinnsperformance hingelegt haben. Aber auch die großen Konzerne, in die ich investiert habe, haben hervorragend performt. Die profitierten jetzt natürlich von ihren enormen Cashreserven. In der Krise, das zeigt sich auch hier, ist Cash King.

Um es zusammenzufassen: In der Krise haben sich jene goldenen Regeln bewährt, die immer schon gegolten haben. Menschen neigen, gerade wenn unbekannte Gefahren drohen, zur Panik. Daher sollte investiert werden, wenn die Kurse am Boden sind. In der Krise mit Geld in den Markt zu gehen ist, denke ich, die beste Strategie. Ich habe das gemacht und bin gut damit gefahren.

Glaubst du, es wird zu einem weiteren Kursrutsch kommen?

Das ist keine Frage des Glaubens. Am Markt geht es um das, was wir wissen. Sollte es wieder zu Kurseinbrüchen kommen, dann werde ich auch wieder kaufen. Es gibt eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Preise noch einmal fallen. Die US-Märkte sind beispielsweise fast wieder bei ihrem Allzeithoch angelangt. Vor allem die Notenbanken haben dabei geholfen. Damit ging aber auch ein Absturz der Zinsen einher. Sollten sie wieder steigen, wird es eine Kurskorrektur geben. Aber ob das passieren wird, steht auf einem anderen Blatt. Schließlich ist auch denkbar, dass die Zinsen in den USA wie in Europa langfristig in den negativen Bereich fallen. Die meisten Menschen, das hat die Coronakrise leider gezeigt, haben bei fallenden Kursen nicht die Nerven, im großen Stil Aktien zu kaufen.

Den meisten Anlegerinnen und Anlegern ist nicht präsent, dass die Fed und andere Notenbanken aus den Erfahrungen von 1929 gelernt haben und in Krisen mittlerweile schnell intervenieren. In diesem Fall mit Billionenbeträgen. Daher habe ich privat ein drittes Mal frisches Geld erst investiert, als der Markt sich schon wieder auf –30 % erholt hatte. Dennoch war das im Nachhinein die für mich lohnendste Tranche: Denn da habe ich das Geld in mein eigenes Techwiki investiert. Neben dem Global Champions wiki gibt es inzwischen nämlich ein Global Tech Champions wiki. 

Tech-Aktien haben oft das Problem, dass die besonders lukrativen Highflyer sich auch volatil verhalten. Das Global Tech Champions wiki besteht deshalb etwa zur Hälfte aus solchen Highflyern und zur Hälfte aus großen, cashstarken Techkonzernen. Das hatte ich als krisenfestes und sicheres Konzept entworfen. In der Coronakrise hat sich das dann auch tatsächlich bewährt. Wobei diese Krise den Tech-Firmen und ganz besonders den Highflyern natürlich in die Karten gespielt hat. Zum Beispiel habe ich vor 15 Monaten Zoom in das wiki aufgenommen, die ja dieses Jahr bekanntermaßen eine Wahnsinnsperformance hingelegt haben. Aber auch die großen Konzerne, in die ich investiert habe, haben hervorragend performt. Die profitierten jetzt natürlich von ihren enormen Cashreserven. In der Krise, das zeigt sich auch hier, ist Cash King.

Um es zusammenzufassen: In der Krise haben sich jene goldenen Regeln bewährt, die immer schon gegolten haben. Menschen neigen, gerade wenn unbekannte Gefahren drohen, zur Panik. Daher sollte investiert werden, wenn die Kurse am Boden sind. In der Krise mit Geld in den Markt zu gehen ist, denke ich, die beste Strategie. Ich habe das gemacht und bin gut damit gefahren.

„Diese Entwicklung wird langfristig Bestand haben“

Wie ist deine Meinung zu den aktuell hohen Bewertungen im US-Tech-Bereich?

Die Bewertungen der Tech-Unternehmen sind, ganz praktisch betrachtet, gar nicht so hoch. Konzerne wie Amazon und vor allem Apple sind, wirft man einen Blick auf die Wachstumszahlen, absolut fair bewertet. Unternehmen dieser Art stellen gerade in Zeiten niedriger Zinsen einen Hort der Sicherheit dar. Egal, wie es mit dem Coronavirus weitergeht: Sie werden profitieren. Insofern verstehe ich die Notierungen in diesem Bereich. Hinzu kommt: Der Markt hat sich in Coronagewinner und -verlierer gespalten. Während Ölaktien am Boden liegen, profitieren Software-as-a-Service-Plattformen und andere Tech-Unternehmen. Ich habe keine Zweifel, dass diese Entwicklung auch langfristig Bestand haben wird. Die Zukunft liegt nicht im Erdöl oder den Automobilkonzernen. Tesla ist da eine Ausnahme, weil die Anlegerinnen und Anleger hoffen, dass Tesla das autonome Fahren dominieren wird.

Zum Schluss würde ich gerne noch einmal auf dein neues Buch "Schatz, ich habe Aktien gekauft!" zu sprechen kommen. Worum geht es darin? Was sind die Ziele, die du dir damit gesetzt hast?

Mir ging es bei dem neuen Buch vor allem um zwei Dinge. Erstens: Viele, vor allem neue und unerfahrene Anlegerinnen und Anleger lassen sich beim Kaufen und Verkaufen von Aktien von Angst und anderen Emotionen steuern. Das Buch soll helfen, rationaler und weniger gefühlsgesteuert zu investieren. Zweitens will ich mit dem Buch einen Blick in die Zukunft werfen. Wie vorhin schon beschrieben: Um den Markt zu schlagen, müssen Anlegerinnen und Anleger Trends und Entwicklungen der Zukunft in den Fokus nehmen. Ein dritter wichtiger Punkt, den das Buch immer wieder berührt: Um mit Aktien wirklich Geld zu verdienen, musst du selbst investieren. Sobald Banken und andere Berater im Spiel sind, wollen die mitverdienen. Das geht immer zulasten der Rendite.

schatz ich habe aktien gekauft

Das neue Buch “Schatz, Ich habe Aktien gekauft” 

Was unterscheidet, kritisch gefragt, dein wikifolio von den Investmentangeboten großer Banken?

Eine absolut berechtigte Frage: Das wikifolio ist eine komplett transparente Anlageform. Wenn du die nötigen Mittel hast, kannst du dir das darin abgebildete Portfolio problemlos selbst nachbauen. Persönlich würde ich auch nie mehr als 5-10 % meines Geldes in solche Zertifikate investieren. Auch wenn wikifolio diesbezüglich sehr gute Absicherungen hat und die realen Aktien hinterlegt: Ich kann jeden verstehen, der lieber selbst in Aktien als in Zertifikate investiert. Solange ich den Markt schlage, lohnt es sich natürlich. 

Aber eines ist für mich ganz klar: Wenn das über längere Zeit nicht mehr der Fall sein sollte, dann schließe ich das wiki und investiere mein eigenes Geld direkt über ETFs in den Markt. Da darf einem die eigene Eitelkeit nicht im Weg stehen. Sinnvoll ist es, Entscheidungen für sein Geld selbst zu fällen, statt sie Banken und anderen Mittelsmännern zu überlassen. Mein Buch hilft, die Welt des Aktienhandels und vor allem auch die damit verbundenen Risiken zu verstehen. Letztendlich soll jeder seine eigene Entscheidungen bewusst treffen.

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Der Interview Partner

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Florian Fendt investiert und handelt seit 2015 aktiv an der Börse. Seit dem Abschluss seines Wirtschaftsstudiums schreibt er leidenschaftlich Finanzartikel

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Zuletzt Aktualisiert: November 2020